BerthelsDorf(er)leben e. V.
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Rundweg
„Berthelsdorfer Ge(h)schichten“

...  zwischen Erinnerung und Wandel

Seit einigen Jahren ist die Schule in Berthelsdorf schon geschlossen. Das einstige Schulgebäude beherbergt heute ein frisch saniertes Dorfgemeinschaftshaus mit vielfältiger Nutzung. Dieses Gebäude wurde erhalten. Von einigen anderen in Berthelsdorf kann man das leider nicht behaupten.
Das Dorf hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Auch wenn der Ort ein idyllisches Ortsbild präsentiert, wurden einige Gebäude abgerissen oder mussten dem Verfall überlassen werden. Welchen Glanz sie früher einmal hatten, das weiß heute kaum noch jemand. 

Sonja Adler und der Verein Dorferleben e.V. Berthelsdorf, dem sie seit 2022 angehört, wollen das nicht hinnehmen. „Viele unserer vor allem jüngeren Einwohner wissen wenig über die Geschichte unseres Dorfes. Schule und oft auch Beruf finden meist außerhalb statt. Viele greifen in der Freizeit lieber zu digitalen Medien als zu einem Buch über Heimatgeschichte.

Das war für uns der Anlass, den sprichwörtlichen Propheten zum Berg zu gehen zu lassen.“ Was sie damit meint: Der Verein bringt alte Geschichten und Geschichte mitten in den Ort zurück.


Seit 1993 beschäftigt sich Sonja Adler mit der Dorfchronik. Dabei hatte sie Unterstützung durch den ehemaligen Geschichtslehrer Joachim Löwe und Siegfried Kuchta, der im Ort der „fliegende Ortschronist“ genannt wurde. Mit der Kamera hielt der im letzten Jahr hundertjährig Verstorbene Momente des Dorflebens in Bildern und auf Video fest.
Auch der ehemalige Bürgermeister Günter John erforschte die Ortschronik. Anlässlich der 700-Jahrfeier 2017 brachte der Berthelsdorfer Sven Scholz das Buch „Berthelsdorfer Ge(h)schichten“ heraus. Wenig später erinnerte eine private Initiative von Dr. Holger Roland, dessen Vorfahren die heute nicht mehr existierende Obermühle besaßen, mit einer Tafel an den ehemaligen Standort der Mühle.

„Mit dem Buch, den umfangreichen Fotosammlungen, der Schulausstellung und der Heimatausstellung der ehemaligen Berthelsdorfer Kreativgruppe, die der Verein Dorferleben e.V. Berthelsdorf übernommen hat, verfügte unser Verein über so viel Dorfgeschichte, dass unsere Archive überliefen und die spannenden Geschichten nach außen wollten.

Inspiriert durch die Tafel an der Obermühle haben wir Fördermittel beantragt und einen Betrag von 7.500 Euro bewilligt bekommen“, freut sich Sonja Adler. Ein Produzent für weitere Tafeln und das Berthelsdorfer Autorenteam für die Inhalte wurden schnell gefunden. Die Kosten beliefen sich auf 15.000 Euro, die andere Hälfte des Betrags wurde vom Verein finanziert.

Seit Anfang Mai stehen an 18 Stellen im Ort nun Infotafeln, die über Vergessenes und Vergangenes berichten. Der Berthelsdorfer-Ge(h)schichten- Pfad ist etwa sieben Kilometer lang und kann problemlos mit dem Fahrrad befahren werden.

Die meisten Tafeln kann man aber auch mit dem Auto erreichen, was vor allem ältere Menschen freuen dürfte. Mit vielen Bildern und wenig Text sind sie verständlich gestaltet. Innerhalb weniger Momente fühlt man sich an den kleinen Bahnhof der Schmalspurbahnlinie Herrnhut-Bernstadt zurückversetzt, in die Zeit als im „Stockhaus“ Trunkenbolde und kriminelle Taugenichtse Besserung gelobten oder in die Blütezeit der Webereien in der Oberlausitz.

Für die ältere Generation sind es liebliche Erinnerungen. Bei Jüngeren oder Zugezogenen soll aus einer lebendigen Geschichte Verbundenheit mit dem Ort gefördert werden. Touristen der Region können mit den Tafeln in das historische Kultur- und Industriegut ihrer Urlaubsregion eintauchen.
„Im Moment erinnert nur die Dorfgeschichte an die sage und schreibe 13 Gaststätten und Schankwirtschaften, die Berthelsdorf einmal hatte“, erzählt Sonja Adler, als sie auf das zugewucherte Areal einer ehemaligen Bäckerei in der Dorfmitte verweist. Auch diese ist verlassen. „Wer weiß, was die Zukunft bringt. Dinge ändern sich ja immer wieder“, lässt sie voller Heimatliebe verlauten.

Bis es vielleicht so weit ist, bleibt die Ortsgeschichte dank der Tafeln lebendig. Sogar für die digital geprägte Generation halten sie einiges bereit. Mittels QR-Code gelangen Besucher auf die Webseite der Ortsgeschichte, wo weiterführende Informationen zu finden sind. Diese werden vom Verein stetig erweitert.


Zum Rundweg gibt es einen Flyer, der in örtlichen Stellen und Touristen-Informationen erhältlich ist. Auch an zentralen Tafeln, wie an der alten Schule sind sie zu finden. Das Projekt wurde durch die Leader Region Kottmar und die Stadt Herrnhut unterstützt und finanziert. Ebenso flossen dazu Mittel der EU.

Alles Lausitz.de/Bettina Hennig

Der 6 km Rundweg mit seinen Stationen umfasst folgenden Stationen und enthält an seinen verschiedenen Info-Punkten neben den Informationen zum Objekt vor Ort auch einige Details zur näheren Umgebung:

  • Kreuzung Herrnhuter Straße / Südstraße (Sportplatz, Unitätshäuser, Lindenallee)
    Neben dem 1950 in einer ehemaligen Lehm- und Sandgrube entstandenen Sportplatz ist an diesem Standort mit der 1750 angelegten Lindenallee und den 1790 errichteten Wohnhäusern der Unitätsdirektion die Verbindung des Ortes zu Herrnhut deutlich sichtbar.

  • Mädchenheim (Rettungshaus, Spinnschule -> Kindergarten, Pauls Gut)
    Mit der Einrichtung einer „Spinnschule“ und wenig später einem „Rettungshaus“ für Mädchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeugt dieser Standort frühe und bis heute andauernde Bemühungen um die Förderung von benachteiligten Menschen.

  • Marx Fabrik (Kino, Marx Fabrik, Café Kern, Drei Linden)
    Mit der Marx'schen Fabrik wird dieser Standort vom größten industriellen Unternehmen geprägt, welches je in Berthelsdorf existierte. Darüber hinaus ist mit dem Kino hier ein weit über die Grenzen des Ortes wirkendes Kulturobjekt nachzuweisen.

  • Kreuzung Südstraße / Siedlung (Siedlung, Südstraße 1, Kleinbahn, Teich)
    An dieser Stelle soll an die von 1892 bis 1945 durch den gesamten Ort rollende Schmalspurbahn Herrnhut - Bernstadt erinnert werden, welche sowohl für die Bevölkerung als auch für die ansässigen Unternehmen von großer Bedeutung war.

  • Teichdamm (Oberer Gasthof, HAPA, Schwenckfelder-Häuser)
    Besonders hervorhebenswert an diesem Standort ist neben dem später industriell genutzten Gasthof vor allem die Existenz des weltweit einzigen im Original erhaltenen Bethauses der Anhänger des schlesischen Reformators Kaspar Schwenckfeld.

  • Spitze (Fichtelrode, Oberer Hof, Gasthof „Zur Spitze“)
    Von diesem Standort gut sichtbar liegen am Ortsrand die Baulichkeiten des „Oberen Hofes“, dem über längere Zeit existierenden Herrensitz von Ober-Berthelsdorf. Mit „Fichtelrode“ ist hier außerdem eine Epoche der Erweiterung des Siedlungsgebietes des Ortes nachweisbar.

  • Nordstraße 12 (Mühlgut, Luftbad, Mühlgraben)
    An diesem Standort befand sich einst eine zur Ober-Mühle gehörende Landwirtschaftsfläche, auf welcher 1919 ein Luft- und 1925 sogar ein Schwimmbad errichtet wurde, welches mit Wasser aus dem zur Obermühle führenden Mühlgraben gespeist wurde.

  • Obermühle (Obermühle, Ölmühle -> Gerberei Rohland, HAPA, Drogerie)
    Bis zum Abriss 2018 gehörte die „Obermühle“ zu den ältesten und durch Umgebinde im Obergeschoß architektonisch wertvollsten Gebäuden des Ortes, in welchem zusammen mit den Nachbargebäuden eine Leder-, nach 1942 dann Pantoffelfabrik betrieben wurde.

     

  • Pauls Fabrik (Fabrik, Teich, Kaufhalle/Grundschule)
    An diesem Standort befand sich bis zu ihrem Abriss 2009 die 1853 gegründete Samtkordfabrik und Färberei der Gebrüder Paul. Mit dieser ersten, 1886 auf mechanischen Betrieb umgestellten Textilfabrik begann die Industrialisierung unseres Ortes.

  • Burg (Burg, Renger-Schmied, Heinrich-Schmied)
    An dieser Stelle kann die Bedeutung der Dorfauenbebauung im 18. und 19. Jahrhundert besonders deutlich gemacht werden. Die entstehenden Dienstleistungs- und Handelsunternehmen waren von substanzieller Bedeutung für die Entwicklung des Ortes.

  • Eiche (Stockhaus, Feuerwehr)
    Das Gebäude Schulstraße 6 wurde ab 1807 als Stockhaus (Gefängnis) genutzt. Unmittelbar angrenzend befand sich auch das Spritzenhaus der 1887 in der „Siegeseiche“ gegründeten Freiwilligen Feuerwehr.

  • Kretscham (Kretscham, Schießstand, Milchviehanlage)
    Der hier befindliche Kretscham war seit frühester Zeit Gerichtsort des Dorfes. Hier tagte das Patrimonialgericht, welches zur niederen Gerichtsbarkeit zählte. Zusätzlich besaß der Kretscham die Schankgerechtigkeit, war also auch Gasthof und gleichzeitig ein Bauerngut.

  • Pfarrhaus (Kirche, Friedhöfe, Pfarrhaus)
    Dieser Standort markiert das geistliche Zentrum des Ortes. Neben der 1317 ersterwähnten und dem heiligen Jacob geweihten Kirche sind das Pfarrhaus, in seiner heutigen Form aus dem Jahre 1879 stammend, sowie die beiden Friedhöfe kulturhistorisch bedeutsam.

  • Schule (Schule, Pionierhaus, Molkerei -> Kindergarten)
    An dieser Stelle kann die mehr als 300jährige, 2005 beendete Schulgeschichte des Ortes dokumentiert werden. Das heute als Dorfgemeinschaftshaus genutzte Gebäude geht in der Grundsubstanz auf den Schulhausneubau von 1849 zurück.

  • Hauptstraße 99 (Sonne -> Broilerstübel, Harz)
    Das Haus Hauptstraße 64 diente mehr als 100 Jahre als Gasthaus. Hier fand am 13. April 1946 in Anwesenheit von 80 Parteimitgliedern die Vereinigung der Ortsgruppen von KPD und SPD zur SED statt. Schräg gegenüber beginnt der Weg zur „Alten Försterei“, der im Volksmund „Harz“ genannt wird.

  • Neuberthelsdorfer Straße 5 (Klix'sches Gut, Forsthaus, Neuberthelsdorf)
    Das ehemalige Forsthaus der Brüderunität ist der Nachfolgebau des dritten Herrensitzes des Dorfes, dem von Nieder-Berthelsdorf. Benannt nach dem Geschlecht derer von Klix ist hier die von 1581 bis 1727 währende Dreiteilung des Ortes sehr gut nachvollziehbar.

  • Neuberthelsdorfer Straße 1 (Engelmann, Kränke, Ahne, Niedermühle)
    Auch an diesem Standort kann mit der sogenannten „Kränke“ ein weiteres Stück Ortserweiterung nachgewiesen werden. Darüber hinaus ist hier mit der später als Sägewerk fungierenden Niedermühle die Bedeutung der Nutzung der Wasserkraft im Ort darzustellen.

  • Radweg bei Heinrich (Mittelmühle und ehemaliger Festplatz)
    Die mittlere der drei Wassermahlmühlen, die „Haschkemühle“, benannt nach deren seit 1836 nachweisbaren Besitzerfamilie, war die am längsten als Getreidemahlmühle tätige Mühle des Ortes. Sie war als solche bis 1945 voll in Betrieb. 

  • Festplatz (Bahnhof)
    Dort wo sich heute der Festplatz des Dorfes befindet, existierte bis 1945 die „Haltestelle Berthelsdorf“ der Schmalspurbahn.

Die Umsetzung des Projektes wird mit Herstellern und Anbietern aus unserer Region realisiert.

Bezüglich möglicher Platzierungen der Infotafeln werden alle Grundstücksabklärungen vor dem Aufstellen der Infotafeln abgeklärt und im privatrechtlichen Bereich schriftlich festgehalten.